REWRITING THE CREATIVE PROCESS?

 Paneldiskussion auf dem Filmfest München

  • © Julien Hebenstreit Creative Europe Desks Deutschland

  • © Julien Hebenstreit Creative Europe Desks Deutschland

Creative Europe Desk München veranstaltete am vergangenen Dienstag ein Panel auf dem Filmfest München. Unter dem Titel Rewriting the Creative Process? — Wenn das Publikum mitentwickelt diskutierte Moderator Gerhard Maier (Seriencamp) mit zwei international erfahrenen Expertinnen der Film- und Serienbranche.

Producer und Creative Consultant Maria Cervera war bei Netflix International Series für das Development mexikanischer und spanischer, sowie später bei Paramount spanischer, deutscher, französischer oder auch italienischer Serien mitverantwortlich. Zu den Projekten, die sie mitentwickelt hat, gehören „Die Telefonistinnen“, Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ oder der weltweite Serienhit „Élite“. Direkt neben ihr hatte Claudia Blümhuber Platz genommen, die für das Panel zwischen zwei Drehtagen ihrer aktuellen Serie „The Death of Sherlock Holmes“ angereist war – eine schweizerisch-deutsch-englisch-amerikanische Koproduktion. Ob Produzentin und Geschäftsführerin der Schweizer Produktionsfirma Silver Reel, Regisseurin, Autorin, Showrunnerin – Blümhuber hatte in ihrer teils oscarnominierten, Golden Globe- und International Emmy-gekrönten Filmografie mehr als nur ein Gewerk inne. Zwei Erfahrungsschätze also, die einander in diesem Panel auf der Bühne des nahezu vollen Kino 1 der HFF München begegneten.

Und um das Publikum ging es auch in dieser Stunde. Genauer: welchen Einfluss es im Internetzeitalter auf das Storytelling hat, und nicht zuletzt: wie man es erreichen kann. Gerade heute, nach dem Ende des großen Serienbooms, stellt sich diese Frage den Kreativern, Sendern und Streamern, bei denen ein Bedürfnis nach einer gewissen Sicherheit zu bestehen scheint – nach frischen Ideen, aber mit einem erprobten Markenkern; nach neuen Stoffen, aber mit diesem gewissen „Etwas, das einem bekannt vorkommt“ – nach dem Zauber-Kürzel: IP. 

Dieses Suchen nach dem Wiedererkennbaren, Bewährten und Vielversprechenden liege auch an der Struktur großer Firmen, in denen eine Idee zunächst einmal intern verkauft werden muss, wie Maria in der Diskussion zu bedenken gab. Nicht unbedingt ein bestimmtes Genre, sondern schlicht und ergreifend Erfolge seien es, die Streamer und Sender in erster Linie suchten – oder anders ausgedrückt: übergreifende Aufmerksamkeit in einer Welt der Publikums-Fragmentierung. Das soll die IP leisten, aufgrund der Fans, die der Markenkern schon „automatisch“ mitbringt. So zumindest lautet die Theorie auf dem Papier. Doch die Diskussion zeigte: mit Sicherheit vorhersagen lässt sich nie, was wirklich funktionieren wird. Gelten etwa historische Produktionen als risikoreich, weil teuer, so kann dieses Genre zugleich auch – wie etwa Daily-Serien in Spanien zeigen – ausgesprochen erfolgreich sein; schließlich lassen sich mit den gesellschaftlichen Spielregeln vergangener Welten Konflikte etablieren, die sofort mitreißen und zugleich soziale Kommentare zur Gegenwart erlauben. Und umgekehrt können auch vermeintlich „sichere“ IPs wie Superhelden-Comics – Beispiel „Supergirl“ – floppen, da die Gefahr besteht, dass sich mit jeder Neuadaption nur noch ein bestimmter Fankreis und nicht mehr das große Publikum „eingeladen“ fühlt. Maria Cervera: „Remade, reinvented, rethought: es gibt einen Moment, wo alles sein Verfallsdatum hat. Und dann braucht es eine Pause.“

Nach dem Panel haben wir Claudia Blümhuber und Maria Cervera zu einem kurzen Interview getroffen und gefragt, was ihre Herangehensweise wäre, um eine international relevante Geschichte zu entwickeln. Versucht man erst einmal für einen nationalen Markt oder Sender eine Geschichte zu erzählen und hofft dann, dass sie auch in anderen Ländern funktioniert, oder strebt man von vornherein bewusst an „international“ zu sein? 

Claudia Blümhuber: Bei uns – ich kann nur für uns sprechen – ist es weniger so, dass wir uns fragen: „was könnte für diese oder jene Sender möglichst interessant sein?“ Sondern wir überlegen uns: Was sind Fragen, die einfach Menschen interessieren? Was sind die universellen Fragen? Bei „The Death of Sherlock Holmes“ ist es das Thema „Identität“: Was bleibt von mir übrig, wenn ich mein Gedächtnis verliere, wenn ich nicht mehr weiß, wer ich bin, wenn ich keine Historie habe? Gibt es sowas wie eine Identität, die unantastbar ist? Oder ist alles angelernt? Und das sind, glaube ich, universelle Fragen. Da ist es egal, in welcher Kultur du bist (…), welche Sprache du sprichst. (…) 

Maria Cervera: Ich glaube, (…) das, was einen anzieht, ist das Zwischenmenschliche: ein Vater-Tochter-Konflikt, das Erwachsenwerden, Trauerverarbeitung. Das sind diese Grundprinzipien, mit denen man sich identifiziert. Und das Lokale ist wie ein „Flavour“. Wenn man das Lokale jedoch vermeidet, dann glaubt man der Geschichte nicht, dann wirkt sie künstlich, und auch wenn die Konflikte stimmen, wird man nicht so richtig wahrgenommen. (…) Eine meiner Lieblingsserien ist die englische Serie „Mr. Bates vs. The Post Office“. Sie ist so spezifisch britisch. Aber die Konflikte von diesen Menschen, die eigentlich gegen diese Bürokratie und diese Industrie kämpfen müssen, sind zugleich so allgemein verständlich. (…)

Claudia Blümhuber: Ich wollte immer schon möglichst viele Menschen erreichen. (…) Aber auch nicht mit Sachen, hinter denen ich nicht stehe. Ich glaube, wir haben alle eine Verantwortung, weil wir in einem Sektor tätig sind, dem Entertainment, wo wir viel bewegen können. 
Viele der Filme, die wir (Silver Reel, a.d.R.) gemacht haben, behandeln Themen, die wie ich finde gesellschaftlich äußerst relevant sind: „The Railway Man“ mit Colin Firth und Nicole (Kidman) erzählt von Waterboarding und Folter, in „Eye in the Sky“ mit Helen Mirren geht es um den Kampf mit Drohnen und Posttraumatische Belastungsstörung. In „Breathe“ wiederum geht es darum Hoffnung zu behalten, auch wenn du eine Krankheit hast, die eigentlich bedeutet, dass du dich nicht wirklich bewegen kannst. Und so weiter und so weiter. (…) Für mich war es nicht der Antrieb, zu gucken: „Was kann ich machen, um möglichst international zu sein?“, sondern mich haben in erster Linie diese Themen interessiert und ich wollte sie einem internationalen Publikum irgendwie näherbringen.

Die Balance zu halten zwischen einer künstlerischen Vision, hinter der man als Produzent, Autor oder Regisseur steht, und dem Erreichen des Publikums, etwa über eine IP – dies war und bleibt relevant, wie Blümhuber im Panel beschreibt. Relativ neu im Prozess dagegen sind die datenbasierten Werkzeuge, die Informationen über das Publikumsverhalten verschaffen können. Aber auch wenn Big Data eine größere Rolle spielt als früher – man etwa genau ablesen kann, dass der Anfang der Serie darüber entscheidet, ob drangeblieben oder abgesprungen wird – so lassen sich daraus dennoch keine automatisierten kreativen Rezepte ableiten, wie die Paneldiskussion zeigte. Selbst knallige Openings können irgendwann klischeehaft und somit kontraproduktiv werden, und kreative Entscheidungen seien darum nie ein reines Resultat automatisierter Daten. Aber, haben wir im Interview nach dem Panel nachgefragt: haben Sie dennoch das Gefühl, dass die Frage nach der Zielgruppe, die Analyse des Zielpublikums, in den vergangenen Jahren an Wichtigkeit gewonnen hat?

Maria Cervera: Ich glaube nicht, dass es wichtiger (geworden) ist. Eigentlich glaube ich, dass wir dabei sind, uns dem wieder neu anzunähern. Im klassischen Fernsehen bekam man sofort eine Antwort vom Publikum. (…) Zwischen jeder Folge gab es ein lebendiges Gespräch. Wenn die Serie weitere Staffeln hatte, konnte man dieses Feedback berücksichtigen und das Gefühl von der Reaktion des Publikums mitnehmen in die Entwicklung der nächsten Staffel. Irgendwann, als man angefangen hat, die Serien „als Filme“ zu drehen, hatte man dieses Feedback (zwischen den Folgen) nicht mehr. Dann hat man schon von Anfang an versucht, die Leute auszumachen, die sich eventuell dafür interessieren könnten. Das lief oft sehr theoretisch ab: „Okay, hier haben wir eine IP, die kennt man, und hier haben wir eine Fanbase.“ Es gibt aber auch Beispiele, wo diese Rechnung nicht aufging. Wenn man zum Beispiel dachte, dass ein Influencer als Schauspieler in einer Serie schon von alleine all seine Fans mitnehmen würde — was aber ja nicht stimmt. Wenn man jemandem auf Social Media folgt, dann weil er eine bestimmte Persona ist. Und man will ihn nicht jemand anderen spielen sehen, sondern man will diese Persona sehen oder ihr folgen oder auf sie reagieren. (…) Durch diese Erfahrungen mussten wir erst einmal durch, um zu verstehen, wie man die Daten konkreter einzelner Zuschauer interpretieren kann.

Die Paneldiskussion lenkte auch den Blick nach vorne. Viele IPs aktueller Filme und Serien haben schon ein gewisses Alter – die Vorlage von Blümhubers International Emmy-gekrönten Serie „Fallen“ etwa stammt aus den 2000ern, die Sherlock Holmes-Romane, deren literarische Lücke „The Death of Sherlock Holmes“ schließt, gar aus den 1890ern. Wo aber schlummern die IPs von heute — und von morgen?
US-Produktionen wie „Obsession oder Backrooms“, der Debutfilm des YouTubers Kane Parsons, der auf seinen eigenen Videos zur gleichnamigen Internetlegende basiert, scheinen hier in eine neue Richtung zu weisen. Neue IPs – und zugleich Konkurrenz für die klassische Entertainment-Industrie – könnten aus der Creator Economy kommen, wo Inhalte viral gehen; wo die Interaktion mit der Online-Community von Anfang an eine große Rolle spielt, bis hin zum Verschwimmen von Story und Marketing. Wir wollten von Claudia Blümhuber und Maria Cervera zum Abschluss unseres Gesprächs nach dem Panel wissen, wie sie diese Entwicklung einschätzen: hat das Zukunft?

Claudia Blümhuber: Ja, ich glaube das schon. (…) Die Frage ist: wie wird Intellectual Property generiert? Früher waren es eben Bücher oder Artikel. Und jetzt entstehen IPs eben zum Teil in einem anderen Medium. Backrooms war eine IP, die generiert worden ist, die hatte eine Fanbase und dann wurde der Film gemacht. Es war schon sehr smart von A24 das zu machen! Und auch sehr konsequent, weil sie als Studio ja auch immer schon sehr stark die Audience und auch die Audience Interaction gesucht haben. 
Es gibt ein Buch von Clayton Christensen, das heißt „The Innovators Dilemma“. Es besagt im Grunde, dass die Firmen, die eine Innovation ursprünglich angetrieben haben, irgendwann zwar immer besser und besser werden, aber nur noch einen begrenzten neuen Nutzen hervorbringen. Die wirklichen Erneuerer kommen dagegen meistens (…) aus einem ganz anderen Feld. Und zwar machen sie die Sache nicht nochmal 5 Prozent perfekter, so wie die, welche bereits im Feld sind, sondern sie machen es grundlegend anders; meistens günstiger, während sich die ursprünglichen Erfinder der Innovation von ihren Kunden oft schon wegbewegt haben. Auch wir müssen deswegen schauen, dass wir uns von unseren Kunden — auf uns übertragen, dem Publikum — nicht wegbewegen. Wenn man sich das aus dem Blickwinkel des „Innovator’s Dilemma“ anschaut, dann ist eigentlich die Creators’ Industry diejenige, die für die Disruption sorgt und sich jetzt einen großen Teil dieses Marktes einfach nimmt. (…) Wir sehen, dass YouTube größer ist als jedes Studio, an erster Stelle in der Content Consumation. Das heißt, ich glaube, Backrooms ist da nur der Anfang. (…) Es werden dort IPs kreiert werden, die dann ins klassische Filmmaking übergehen. Aber es wird auch ganz viele verschiedene Mischformen geben.

Maria Cervera: (…) Ich erinnere mich an „The Blair Witch Project“, als es mit Found Footage angefangen hat. Auf einmal gab es Leute, die einfach anders erzählt haben. Und das ist erfrischend, immer wieder überrascht zu werden. Aber damals im Zuge von „The Blair Witch Project“ z.B. wurden ganz viele andere Sorten von Found Footage rausgebracht. Trotzdem sind uns nicht so viele im Gedächtnis geblieben. Ich glaube, das liegt daran, dass Form und Storytelling nicht unbedingt immer zusammenpassen. Nicht alles, was so konzipiert wird, ist auch unbedingt gut erzählt. Ich glaube, dass gute Storyteller ihren Weg finden und wie Claudia auch so gut sagt: manchmal machen sie es anders und das macht es noch faszinierender. Aber das ist so, weil sie einfach gute Storyteller sind. Und man sollte wirklich immer die Augen offenhalten, um die zu finden.

Das Interview führte Julien Hebenstreit, Creative Europe Desk München.