Seit 2022 bietet die ifs Internationale Filmschule Köln das „European Showrunner Programme“ an, das vom Creative Europe MEDIA Programme der Europäischen Union gefördert wird. Diese besondere Initiative konzentriert sich auf die Rolle des Showrunners in Europa und vermittelt die für diese Position erforderlichen grundlegenden Kenntnisse und Fähigkeiten. Zum Abschluss der vierten Ausgabe veröffentlicht die ifs den Bericht „Showrunning in Europe – Skills, Tasks, Responsibilities“. Die Studie untersucht das Berufsprofil und die Aufgaben von Showrunnern in der europäischen Serienproduktion und identifiziert Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Europa. Erkenntnisse aus vier Ausgaben des „European Showrunner Think Tank“ werden mit eigenen Forschungsergebnissen zu diesem Thema kombiniert. Die Publikation bietet einen Überblick über die aktuelle Situation und untersucht Strategien zur Umsetzung eines nachhaltigen, wirklich europäischen Showrunner-Modells.
Wichtigste Erkenntnis: Es hat sich ein erkennbares europäisches Showrunner-Modell herausgebildet. Im Gegensatz zum US-amerikanischen Modell ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Showrunner und Produzent ein charakteristisches Merkmal.
Die Publikation steht unter www.filmschule.de zum Download bereit.
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"Europäische Showrunner sind in vielerlei Hinsicht noch Pioniere"
Interview | Creative Europe MEDIA Desks | Report Showrunning in Europe mit Nadja Radojevic, Director European Showrunner Programme, Chief Executive Director, ifs Internationale Filmschule Köln
Nadja, Du hast erwähnt, dass das Ziel der Studie darin besteht, das Berufsbild „Showrunner” zu untersuchen. Könntest Du das etwas näher erläutern?
Ein Showrunner ist im Wesentlichen der Schöpfer und Chefautor einer Serie, der seine Vision vom Drehbuch bis zur Leinwand umsetzt. Wir bei ifs sind der festen Überzeugung, dass die Position des Showrunners ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Serienindustrie in einem zunehmend gesättigten internationalen Markt ist. Die Herausforderung besteht darin, dass das Showrunning in Europa noch nicht vollständig etabliert ist. Es handelt sich um eine relativ neue Arbeitsweise, und es mangelt noch an gemeinsamem Wissen und klaren Branchenstandards, was oft zu Missverständnissen und Verwirrung führt. Europäische Showrunner sind in vielerlei Hinsicht noch Pioniere. Sie müssen ihre Rolle oft immer wieder erklären und um Autorität und Anerkennung kämpfen. Mit diesem Bericht möchten wir etwas Licht auf die tatsächlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Showrunnern in Europa werfen und hoffentlich zu einem besseren gemeinsamen Verständnis dessen beitragen, was Showrunning hier wirklich bedeutet.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Zunächst einmal können wir feststellen, dass sich in Europa ein klar erkennbares Showrunner-Modell herausbildet. Unsere Umfrage umfasst Showrunner aus ganz Europa, und wenn wir uns ihre Kernaufgaben, Verantwortlichkeiten und ihren Autoritätsgrad ansehen, sind diese tatsächlich recht einheitlich und unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in den USA.
Der große Unterschied besteht natürlich darin, dass US-amerikanische Showrunner meist innerhalb des Studiosystems arbeiten, das sich stark von den europäischen Produktionsmodellen unterscheidet. Das führt direkt zum zweiten wichtigen Punkt: In Europa arbeiten Showrunner in der Regel sehr eng mit einem Produzenten zusammen. Sie besprechen sowohl kreative als auch finanzielle Angelegenheiten auf Augenhöhe. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die Bezeichnung für die Rolle des Showrunners in Europa nach wie vor sehr unterschiedlich ist. Am häufigsten wird der Begriff „Executive Producer” verwendet – eine Bezeichnung, die auch US-amerikanische Showrunner in der Regel erhalten.
Seid Ihr von den Ergebnissen überrascht?
Wir waren tatsächlich ziemlich überrascht, wie eindeutig die Ergebnisse waren. Wir hatten viel größere Unterschiede in der Ausübung der Showrunner-Position in Europa und auch stärkere Unterschiede im Vergleich zum US-Modell erwartet. Natürlich gibt es individuelle Prioritäten und unterschiedliche Showrunning-Stile, aber das gilt auch für die USA. Wir hielten es für wichtig, dies hervorzuheben, da es zeigt, dass trotz unterschiedlicher Produktionssysteme der Kern des Showrunning sehr ähnlich ist.
Wie werdet Ihr die Ergebnisse der Studie im European Showrunner Programme nutzen? Und hat dies direkte Auswirkungen auf die Ausbildung selbst?
Wir werden eine kurze Präsentation der Ergebnisse des Berichts und des Konzepts eines europäischen Showrunner-Modells einbauen, das wir auch in unserer Publikation skizziert haben. Damit möchten wir europäische Showrunner dabei unterstützen, ihre Position klarer zu definieren und Vertragsdetails selbstbewusster zu verhandeln. Wir möchten ihnen wirklich praktische Anleitungen an die Hand geben, die sie in ihrer täglichen Arbeit nutzen können.
Was ist das Hauptziel des Ausbildungsprogramms, und wann können sich neue Showrunner-Kandidaten bewerben?
Mit dem European Showrunner Training möchten wir erfahrenen Drehbuchautoren das Wissen vermitteln, das sie benötigen, um die Rolle des Showrunners zu übernehmen. Es handelt sich um eine sehr praxisorientierte Ausbildung, bei der wir uns stark auf Führungsqualitäten und produktionsbezogene Themen konzentrieren. Die Teilnehmer beschäftigen sich intensiv mit Führungsstilen, dem Verständnis von Budgets und Zeitplänen sowie Einstellungs- und Casting-Prozessen. Unser Ziel ist es, angehenden Showrunnern zu ermöglichen, ein kreatives Team auf selbstbewusste Weise zu führen und zu motivieren, wobei Zusammenarbeit großgeschrieben wird. Wir legen großen Wert auf Kommunikation auf Augenhöhe – sowohl mit allen Abteilungsleitern als auch mit den Redakteuren und anderen wichtigen Stakeholdern. Die Bewerbungsphase für die Ausgabe 2026 des European Showrunner Training ist jetzt eröffnet, die Bewerbungsfrist endet am 30. März.
Welche Fähigkeiten – und welche Persönlichkeit – braucht man, um ein erfolgreicher Showrunner zu werden?
Unserer Erfahrung nach erfordert die Tätigkeit als Showrunner vor allem ausgeprägte Führungs- und Kommunikationsfähigkeiten. Wir sehen den Showrunner als die Person, die die Vision der Serie bewahrt, aber auch die Expertise des Teams wirklich schätzt und in der Lage ist, alle zu motivieren, sich für eine gemeinsame Vision einzusetzen. Es geht darum, Prioritäten zu setzen und zu wissen, wann man Aufgaben delegieren muss. Wir glauben auch, dass man eine starke Persönlichkeit und die Fähigkeit haben muss, mit Konflikten umzugehen. Gleichzeitig ist ein großes Ego nicht wirklich hilfreich – die Produktion einer Serie ist eine Gemeinschaftsleistung, und letztendlich sollte immer die Serie selbst im Mittelpunkt stehen.
Auffällig ist, dass es im Programm – im Gegensatz zum Großteil der Branche – viele weibliche Showrunner gibt. War das eine bewusste Entscheidung Eurerseits?
Wie in vielen Bereichen der Film- und Fernsehbranche sind Frauen in Showrunner-Positionen nach wie vor unterrepräsentiert. Beim European Showrunner Programme streben wir aktiv eine gleichberechtigte Vertretung von Männern und Frauen an – sowohl innerhalb der Ausbildung selbst als auch bei den öffentlichen Veranstaltungen, die wir auf TV-Festivals und -Märkten organisieren. Wir sind der festen Überzeugung, dass man, wenn man langfristige strukturelle Veränderungen erreichen will, in seinem eigenen Einflussbereich beginnen muss.
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Hintergrund zum European Showrunner Programm
Die Position des Showrunners ist entscheidend für die kreative Integrität hochwertiger Serien. Showrunner sind während des gesamten Projekts sowohl für die künstlerische Vision als auch für den finanziellen Erfolg einer Serie verantwortlich – von der Konzeption der Serie über das Verfassen der Drehbücher bis hin zur Vorproduktion, den Dreharbeiten, der Postproduktion und dem Marketing.
Der Aufstieg von Streaming-Plattformen hat weltweit zu einem Boom bei Serieninhalten geführt. In diesem Zusammenhang hat das aus den USA stammende Showrunner-Modell in Europa an Bedeutung gewonnen. Allerdings sind sein Aufgabenbereich und seine Befugnisse nach wie vor unklar, was häufig zu Verwirrung und Ineffizienzen führt. Die Klärung dieser Rolle ist unerlässlich, um gemeinsame Standards zu etablieren und eine reibungslose Zusammenarbeit bei der Produktion europäischer Serien zu gewährleisten. Dieser Bericht soll einen Beitrag zu diesen Bemühungen leisten.
Methodik des Berichts
Der Bericht über die Rolle des Showrunners in Europa entstand in einem dreistufigen Prozess. Zunächst wurde eine qualitative Untersuchung anhand von ausführlichen Interviews mit Experten durchgeführt, die als Showrunner bei Serienproduktionen in sechs europäischen Ländern tätig waren. Die Erkenntnisse aus diesen Interviews flossen in die Gestaltung eines Fragebogens ein, der während einer geschlossenen Think-Tank-Sitzung mit eingeladenen europäischen Showrunnern getestet wurde. Schließlich wurde eine Online-Umfrage an ausgewählte Fachleute in ganz Europa verteilt, die in Showrunner-Positionen tätig sind. Die Veröffentlichung kombiniert anonymisierte Ergebnisse aus diesen drei Umfragen, Erkenntnisse aus einem geschlossenen Think Tank mit führenden europäischen Serienproduzenten und wichtige Erkenntnisse aus öffentlichen Diskussionen, die während der Veranstaltungsreihe „European Showrunner Think Tank“ geführt wurden.
Über das European Showrunner Programme
Seit 2022 widmet sich ifs der Förderung des Showrunning in Europa durch das European Showrunner Programme, zu dem auch das „European Showrunner Training“ gehört – ein sechsmonatiges Teilzeit-Weiterbildungs- und Mentoring-Programm für erfahrene Serienschreiber, die ihre Fähigkeiten in Kernbereichen des Showrunning vertiefen möchten, wie z. B. kreative Leitung, Produktion, Regie, Schnitt und Themen wie KI und umweltfreundliche Produktion. Darüber hinaus befasst sich die Veranstaltungsreihe „European Showrunner Think Tank“ mit der Definition und Diskussion der Rolle des Showrunners in Europa. Drittens ermöglicht das „European Showrunner Network“ einen kontinuierlichen Austausch zwischen etablierten Showrunnern und aufstrebenden Showrunning-Talenten in Europa.
Das Programm wird von international renommierten Showrunnern und Serienexperten gestaltet. Programmleiter ist der renommierte dänische Autor und Showrunner Jeppe Gjervig Gram („Borgen“, „Follow the Money“). Das Programm wird vom Creative Europe MEDIA Programme der Europäischen Union finanziert, mit der FOCAL Foundation als Kooperationspartner.
Permalink: https://creative-europe-desk.de/artikel/news/europaeische-showrunner-sind-in-vielerlei-hinsicht-noch-pioniere


