Paul Radu ist Journalist und Gründer des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP). Mit seinen Projekt Floodlight bringt er investigative Journalist:innen und Filmemacher:innen zusammen, um reale Impact-Stoffe fiktionalisiert zu erzählen und damit der Wahrheit noch näher kommen zu können. Mit seinem neuen Project Floodlight Gaming überträgt er das Konzept nun auch auf die Games-Branche.
Lieber Paul, was treibt dich an?
Ich habe OCCRP gemeinsam mit Drew Sullivan gegründet, um eine Alternative zu den Mainstream-Medien in Mittel- und Osteuropa zu schaffen, die damals wie heute größtenteils zu korrupt sind, um die Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Korruption auf höchster Ebene aufzudecken. Im Laufe der Zeit entwickelte sich OCCRP zu einem globalen Netzwerk mit einem starken Kern aus hochwertigem Investigativjournalismus, effizienter technischer Infrastruktur sowie einer Schutz- und Sicherheitsarchitektur für die Arbeit einiger der mutigsten Journalist:innen überhaupt. Wir haben ein investigatives Ökosystem geschaffen, das die Bürger:innen dieser Welt in ihrem Kampf für ein Leben ohne organisierte Kriminalität und Korruption unterstützen soll.
Mit deinem Projekt Floodlight bringst du Filmschaffende und Investigativjournalist:innen zusammen. Wie kann man sich das vorstellen?
Journalist:innen reichen ihre Geschichten zur Prüfung ein. Nach einem strengen Auswahlverfahren laden wir jedes Jahr eine sorgfältig zusammengestellte Gruppe zum Floodlight Summit nach Cartagena ein. Investigative Journalist:innen und Filmemacher:innen verbringen dann drei Tage miteinander. Durch Pitchings, Podiumsdiskussionen und Einzelgesprächen erörtern sie, wie sich aus den Reportagen unterhaltsame Filme und Fernsehserien entwickeln lassen. Derzeit befinden sich 12 Projekte in verschiedenen Entwicklungsstadien.
Was kann ein fiktionales Format deiner Meinung nach für den Impact einer wahren Geschichte leisten?
Unsere investigativen Berichte sind auf maximale Wirkung ausgelegt; wir wollen Kriminelle daran hindern, weiter wie gewohnt zu agieren, und wir wollen, dass die Bürger:innen so viel wie möglich von unserer Arbeit profitieren. Das macht den investigativen Journalismus zwar effizient, aber auch trocken, da er rechtlichen, räumlichen und zeitlichen Einschränkungen unterliegt. Wir müssen in unserer Berichterstattung etwa 80 Prozent dessen, was wir wissen, sowie darüber, wie wir vorgegangen sind, weglassen. Das ist eine enorme Verschwendung sehr guter Informationen, die für die Gesellschaft nützlich sein könnten. Bei fiktionalen Formaten ist das offensichtlich nicht der Fall: Dort kann man eine noch bessere Geschichte erzählen – eine umfassendere Geschichte, die viel mehr Details enthält und den gesamten investigativen Prozess beschreibt. Zudem gibt es auf dem europäischen Kontinent nur eine sehr begrenzte Anzahl qualifizierter Investigativjournalist:innen und wir müssen mehr Menschen dazu inspirieren, selbst zu Ermittler:innen zu werden.
Mit Floodlight Gaming überträgst du dieses Prinzip auf den Gaming-Sektor. Was hat dich dazu veranlasst?
Videospiele sind die weltweit größte Form der Unterhaltung und daher hervorragend geeignet, um einem internationalen Publikum die Welt des investigativen Journalismus näherzubringen. Videospiele können zudem genutzt werden, um eine Vielzahl unterschiedlicher Geschichten auf sehr kreative und fesselnde Weise zu erzählen. Eine ganz besondere Eigenschaft von Spielen ist, dass sie ihre Geschichten interaktiv erzählen. Durch Filme werden wir in die Geschichte hineingezogen, indem sie uns das Gefühl geben, mit den Figuren vor Ort zu sein: Wir erleben, was sie erleben und wir fühlen, was sie fühlen. In einem Videospiel ist man dagegen die Hauptfigur und die eigenen Entscheidungen beeinflussen den Verlauf der Geschichte. Wir möchten, dass sich die Menschen aus misslichen Lagen befreien können, weil sie in einem Floodlight-Spiel gelernt haben, wie sie sich vor Kriminalität und Desinformation schützen. Wir möchten, dass sie die Dilemmata erleben, mit denen investigative Journalist:innen konfrontiert sind und dass sie Entscheidungen treffen, die in ihrem eigenen Interesse liegen. Aus diesem Grund hat sich Floodlight Gaming zum Ziel gesetzt, durch Unterhaltung aufzuklären und zu helfen.
Für diesen Ansatz habt ihr auch Creative Europe Funding bekommen. Was genau habt ihr mit dem Geld vor?
Wir haben uns für den Creative Europe Call Journalism Partnerships - Collaborations beworben. Die Grundidee unseres Projekts bestand darin, einen Arbeitsraum für Journalist:innen, Spieleentwickler:innen und Wissenschaftler:innen zu schaffen. Kurz gesagt: Wir werden „Investigathons“ organisieren – Workshops, die sich auf ein besonders wichtiges Thema konzentrieren. Nehmen wir als Beispiel die Wohnungskrise in Berlin. Dazu werden wir investigative Journalist:innen von OCCRP und Spieleentwickler:innen zusammenbringen, um das Thema aus investigativer Perspektive zu beleuchten. Die Spieleentwickler:innen werden eng mit den Journalist:innen zusammenarbeiten, um herauszufinden, wie sie die Ermittlungsprozesse "gameifizieren" und dabei Risiken minimieren können – und das könnte dann dazu führen, dass beispielsweise Kriminelle entlarvt werden, die in der Stadt ein Immobilienportfolio aufgebaut haben.
Unsere Partner dabei sind Good Game Generation (GGG), Stockholm School of Economics Riga und das Global Forum for Media Development.

Welches Medium eignet sich deiner Meinung nach besser, um komplexe investigative Stoffe zu transportieren: Film/Serie oder Games?
Beide Medien sind auf ihre eigene Weise in der Lage, investigativen Journalismus verständlich zu machen. Da Spiele interaktiv sind, können sie das Verständnis der Spieler:innen vertiefen, indem sie diese in manchen Fällen tatsächlich in die Rolle der Journalist:innen oder der Kriminellen schlüpfen lassen. Wenn man es richtig macht, können Videospiele die Methoden, mit denen Journalist:innen ihre Arbeit verrichten und die emotionale Wirkung, die das investigative Arbeiten auf sie haben kann, anschaulich vermittlen. Sie können zudem zeigen, wie das organisierte Verbrechen funktioniert und welche Auswirkungen es auf die Gesellschaft hat – ohne dabei das Verbrechen selbst zu verherrlichen.
Welches Feedback hast du aus der Branche erhalten?
Die Resonanz war wirklich außergewöhnlich. Journalist:innen freuen sich darauf, mit der Kreativbranche zusammenzuarbeiten, um zu sehen, wie sich ihre Arbeit in verschiedene Formate entwickelt, die mehr Menschen erreichen. Filmemacher:innen verlassen den Floodlight Summit mit einer neuen Wertschätzung für den Journalismus und die Risiken, die im Dienste der Öffentlichkeit damit einhergehen. Spieleentwickler:innen schätzen den Zugang zu Journalist:innen und die Fülle an Informationen, die hinter deren Geschichten steckt. Wir haben „Floodlight“ und „Floodlight Gaming“ auf Gaming- und Journalismus-Konferenzen auf der ganzen Welt vorgestellt. Als einzige Organisation, die investigativen Journalismus gezielt in die Kreativbranche einbringt, stößt dieses Modell bei diesen Veranstaltungen stets auf große Begeisterung.
Und gibt es schon Ideen, was als nächstes kommen könnte?
Unsere nächste Herausforderung besteht darin, verschiedene fiktionale Formate zusammenzuführen, um neue Formate im Dienste der Gesellschaft zu entwickeln. Derzeit experimentieren wir mit lokalen SLMs (Small Language Models), um neue Möglichkeiten zu erschließen, wie die Spieler:innen ihre eigenen Daten potenziell in investigative Spiele einbringen können. Stellen Sie sich ein Spiel vor, in dem Sie illegale Abholzung in Brasilien untersuchen, aber Ihre eigenen ESA-Satellitenbilder einbringen können, um dasselbe Thema in Rumänien zu untersuchen. Videospiele sind eine Leinwand, auf der man Schönheit, Form und Substanz schaffen kann. Schließlich sind wir „Homo ludens“ – wir lernen und experimentieren durch das Spiel.
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