„Wenn wir Filmemacher aus bestimmten Regionen verstehen und unterstützen wollen, müssen sie mit am Tisch sitzen.“

Interview mit Sata Cissokho, der neuen Leiterin des World Cinema Fund der Berlinale

  • (c) World Cinema Fund

Im September 2025 verkündete die Berlinale eine bedeutende Personalie: Sata Cissokho übernimmt die Leitung des World Cinema Fund (WCF) und des Toolbox-Programms des European Film Market (EFM). Sie führt somit auch das Erbe von Vincenzo Bugno fort, der den WCF Ende 2025 verlassen hat. Zuvor haben er und das WCF-Team den Fonds 21 Jahre lang maßgeblich und mit großer Cineasten-Leidenschaft mit aufgebaut. Der WCF ist eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes und der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Das Sonderprogramm WCF Europe ist mit Unterstützung des Creative Europe MEDIA-Programms der Europäischen Union entstanden.

Bis heute hat der WCF 370 Projekte über verschiedene Förderlinien unterstützt. Seit seiner Gründung im Jahr 2004 engagiert sich der WCF für die Entwicklung und Förderung des Kinos in filminfrastrukturell schwachen Regionen und für kulturelle Vielfalt in den deutschen und europäischen Kinos. Eine Aufgabe, in die sich nun auch die Französin Sata Cissokho stürzen wird.

Wir waren natürlich neugierig auf Sata, ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Visionen: Sata Cissokho im Interview mit den Creative Europe Desks in Deutschland.

Creative Europe Desks: Welches besondere Erlebnis hat Sie zum Film gebracht?

Sata Cissokho: Ich habe mich schon immer zum Geschichtenerzählen hingezogen gefühlt. Ich bin in Marseille im Süden Frankreichs aufgewachsen, wo es damals nicht viele Kinos gab, die Arthouse-Filme zeigten. Dennoch war ich als Teenager Mitglied eines informellen Filmclubs: Wir gingen alle zwei Wochen ins Kino und sahen uns Filme an, die von sehr kommerziellen bis hin zu sehr künstlerischen Werken reichten. Erst als ich im Alter von 18 Jahren nach Paris zog, verliebte ich mich in das Kinoerlebnis. Die kleinen Programmkinos, die so typisch für Paris sind, wurden zu meinem zweiten Zuhause und zu einem Ort endloser Entdeckungen. Ich begann, meine Filmkultur durch Retrospektiven, Wiederaufführungen, Klassiker, aber auch durch die vielen Filme aus aller Welt, die wöchentlich herauskamen, zu entwickeln.

Wann sind Sie das erste Mail auf die Arbeit des WCF aufmerksam geworden?

Ich bin zum ersten Mal 2014 mit dem World Cinema Fund (WCF) in Berührung gekommen, als ich bei der internationalen Vertriebsgesellschaft Memento International (jetzt Paradise City Sales) angefangen habe. Einer der ersten Filme, an denen ich gearbeitet habe, wurde vom WCF unterstützt, und für die Produzenten war diese Unterstützung entscheidend für die Finanzierung des Films. Später konzentrierte ich mich vor allem darauf, neue Talente aus aller Welt zu entdecken. Im Laufe der Jahre erwarb ich mehrere vom WCF geförderte Filme wie „Divine Love“ von Gabriel Mascaro, „Omen“ von Baloji oder „Ancestral Visions of the Future“ von Lemohang Mosese, baute aber auch ein großes Netzwerk von Filmemachern und Produzenten aus förderungsberechtigten Ländern auf.

Was ist Ihre persönliche Motivation, die Leitung des WCF zu übernehmen?

Nach über zehn Jahren im internationalen Vertrieb wollte ich meine Beziehung zu Filmen und Filmemachern verändern. Ich habe mit großartigen Menschen an großartigen Filmen gearbeitet, aber ich spürte, dass ich in einer anderen Funktion mehr bewirken könnte. Ich wollte mich stärker für die Produktion und Verbreitung von Independent-Filmen aus aufstrebenden Regionen engagieren. Während ich darüber nachdachte, wie ich das anstellen könnte, ergab sich die Gelegenheit – ein wahrer Glücksfall. So viele Filme, die ich im letzten Jahrzehnt bewundert habe, wurden vom WCF unterstützt; die Leitung zu übernehmen, fühlte sich für mich wie der logische nächste Schritt an.

Was macht die Arbeit des WCF so wichtig, auch aus der europäischen Perspektive?

Der WCF ist eine wichtige Plattform für Filmemacher aus Ländern mit einer schwach entwickelten Filmindustrie, um ihre Projekte auf dem globalen Markt zu realisieren. Sein Hauptziel ist es, durch die Förderung visionärer Filmemacher kulturelle Brücken zwischen Ländern, Regionen und Lebenswelten zu schlagen und zu stärken. Die Unterstützung des WCF umfasst nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern dank des beeindruckenden Vermächtnisses des Fonds auch eine Form künstlerischer Anerkennung, die Türen öffnet.

Aus europäischer Sicht fördert der Fonds internationale Koproduktionen, entweder mit deutschen Produzenten im Rahmen unseres „Classic“-Programms oder mit europäischen Produzenten über WCF Europe, unterstützt von Creative Europe Media. Diese Kooperationen tragen zu mehr Vielfalt im europäischen Kino bei und erweitern unsere Wahrnehmung des „Anderen“, was sie kulturell bedeutsam macht.

Gibt es jenseits des ja sehr bewährten Modells Ideen und Wünsche, das Profil des WCF zu erweitern?

Im Moment besteht mein Ansatz darin, zu beobachten, zu lernen und mit den verschiedenen Interessengruppen und relevanten Parteien zu diskutieren. Der WCF besteht seit mehr als 20 Jahren. Meine Vorstellung ist nicht, alles über Nacht zu ändern, sondern vielmehr zu prüfen, wie sichergestellt werden kann, dass er für die Filmemacher in den förderfähigen Ländern, aber auch für ihre europäischen Partner relevant und wertvoll bleibt. Dies könnte im Laufe der Zeit zu einigen Änderungen führen, aber die Hauptaufgabe des Fonds wird dieselbe bleiben.

Bleibt es bei den bisherigen Ländern und Fokusregionen, die der WCF unterstützen will?

Zum jetzigen Zeitpunkt ja. Zwar schrumpfen in immer mehr Ländern die Ressourcen für Kultur, doch müssen wir auch pragmatisch vorgehen und überlegen, wie wir Filmemacher am besten unterstützen können. Die Frage ist vielleicht eher, wie wir Filmemachern helfen können, deren geografische und politische Situation etwas komplexer ist, als eine Ausweitung des Programms.

In der Ankündigung Ihrer neuen Leitungsfunktion heißt es u.a. „Die Mission des WCF bleibt die Demokratisierung und Dekolonisierung der internationalen Filmlandschaft ...“ Können Sie uns Beispiele geben, wie diese Mission in der Förderpraxis umgesetzt wird?

Für mich ist die Demokratisierung und Dekolonialisierung der Filmindustrie kein abstraktes Konzept. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir, um Pluralismus auf der Leinwand zu sehen, ihn zuerst innerhalb der Gatekeeper der Filmindustrie sehen müssen. Das ist besonders wichtig in Komitees, Jurys und Fonds. Für mich wäre es beispielsweise unvorstellbar, dass Filmemacher aus den förderfähigen Ländern nicht am Auswahlverfahren des Fonds beteiligt sind. Wir alle haben unsere eigene Wahrnehmung der Dinge, unsere eigenen Vorurteile. Wenn wir also Filmemacher aus bestimmten Regionen verstehen und unterstützen wollen, müssen sie mit am Tisch sitzen. Das wird zu einer Demokratisierung und Dekolonialisierung der Filmlandschaft führen.

Bestehen Ideen, die deutsche Film- und Kulturbranche noch mehr in die Förderarbeit des WCF zu integrieren?

Der WCF ist sehr stark in der deutschen Kulturindustrie verankert. Erstens dank der kontinuierlichen Unterstützung durch die Kulturstiftung des Bundes. Zweitens, weil der Fonds gegründet wurde, um Kooperationen zwischen Filmemachern aus den förderfähigen Ländern und deutschen Produzenten zu entwickeln. Und schließlich durch unsere Vertriebsunterstützung, um die Veröffentlichung von WCF-Filmen in deutschen Kinos anzuregen. Ich denke, wir können die Sichtbarkeit von WCF-geförderten Filmen in Deutschland weiter ausbauen. Ich bin gespannt darauf, andere Wege zu erkunden, um mit dem deutschen Publikum im ganzen Land in Kontakt zu treten, und freue mich darauf, mit öffentlichen Einrichtungen, Festivals und Kinos in Berlin und darüber hinaus darüber zu diskutieren, wie wir dies erreichen können.

Sie verantworten neben dem WCF auch die von Creative Europe MEDIA geförderten EFM Toolbox Programme. Welche Schnittmengen, welche Potenziale sehen Sie zwischen beiden Initiativen?

Das Toolbox-Programm unterstützt Nachwuchsproduzentinnen und -produzenten aus historisch benachteiligten Regionen und Bevölkerungsgruppen und stattet sie mit allen notwendigen Werkzeugen und Kenntnissen aus, um in der Filmbranche erfolgreich zu sein. Dies ist Teil der bereits erwähnten Demokratisierung und Dekolonisierung der Branche und steht im Einklang mit der Mission des WCF, die Visionen talentierter Regisseurinnen und Regisseure aus Ländern mit begrenzter Infrastruktur zu fördern. In wenigen Jahren wird diese neue Generation von Produzentinnen und Produzenten die nächste Generation von Regisseurinnen und Regisseuren aus den WCF-förderfähigen Ländern produzieren oder koproduzieren.

Welche Bedeutung hat die ja langjährige Förderung des WCF durch das EU-Programm Creative Europe MEDIA?

Die Unterstützung durch Creative Europe MEDIA hat es dem WCF ermöglicht, die Anzahl der geförderten Filme zu erhöhen und gleichzeitig einen europäischeren Ansatz zu verfolgen. Dank Creative Europe MEDIA konnten mehr Projekte aus förderfähigen Ländern realisiert werden, und mehr europäische Produzenten erhielten Zugang zu Finanzmitteln für internationale Kooperationen. Seit seiner Gründung hat der WCF Europe so über 50 Projekte unterstützt, die in soliden Koproduktionsstrukturen entstanden sind.

Wieviele Projekte ungefähr können jährlich vom WCF gefördert werden?

Die WCF unterstützt rund 15 Projekte im Bereich Produktion durch unsere verschiedenen Förderprogramme, und vier Projekte erhalten jährlich Unterstützung im Bereich Vertrieb.

Gibt es Länder und Regionen, mit denen es besonders viele Kooperationen innerhalb der WCF-Förderarbeit gibt?

Lateinamerikanische Länder, insbesondere Argentinien, sind in der Geschichte des Fonds stark vertreten. So unterstützte beispielsweise WCF Europe im vergangenen Jahr den Gewinner des Silbernen Bären „El Mensaje“ („Die Botschaft“) des argentinischen Regisseurs Iván Fund.

Und noch ein Blick in die Glaskugel: Wie soll der WCF in 20 Jahren aussehen, wenn es nach Ihnen geht?

Ich hoffe, dass der WCF auch in 20 Jahren noch ein Leuchtturm für Filmemacher sein wird, die in ihren Ländern darum kämpfen, ihre Filme zu realisieren, und dass er mit der Zeit geht und sich ständig an die Gegebenheiten in den förderfähigen Ländern anpasst.

Vielen Dank!

Zur Person

Sata Cissokho trat im September 2025 der Berlinale als Leiterin des World Cinema Fund und der EFM Toolbox Programme bei. Von 2014 bis 2025 arbeitete sie bei der in Paris ansässigen Vertriebsfirma Paradise City Sales (ehemals Memento International), zunächst als Festivalmanagerin und Kuratorin des Arthouse-Labels ARTSCOPE, wo sie Regisseur*innen wie Chaitanya Tamhane, Gabriel Mascaro, Lemohang Jeremiah Mosese oder Baloji entdeckte, bevor sie Leiterin für Akquisitionen und Koproduktionen wurde. Zuvor war sie bei der unabhängigen New Yorker Verleihfirma Zeitgeist Films tätig und unterstützte das Programmteam des Tribeca Film Festivals. Außerdem war sie an mehreren Koproduktionsplattformen beteiligt und arbeitete als Industry-Koordinatorin für Paris Project, Les Arcs Co-production Village und Paris Co-production Village. Sata Cissokho war Mitglied zahlreicher Filmförderungen, Auswahlkomitees und Jurys, darunter für die französische CNC Aide aux Cinémas du Monde, die Atlas Workshops des Marrakech Film Festivals, Rotterdams CineMart und den New Dawn Fund. Darüber hinaus war sie Mentorin, Workshop-Leiterin und Branchenexpertin für viele international renommierte Initiativen wie das Producers Network in Cannes, das Rotterdam Lab, EAVE oder Creative Producer Indaba. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in International Management von der University of Westminster in London sowie einen Master in Cinema, TV and New Medias von der Sorbonne in Paris. (Quelle: Internationale Filmfestspiele Berlin)

Das Interview führte Nikola Mirza.