Seit 2019 veranstaltet ein Netzwerk renommierter europäischer Kurzfilmfestivals den European Short Film Audience Award (ESFAA). Mit der Unterstützung von Creative Europe MEDIA wird eine Auswahl der besten europäischen Kurzfilme des vergangenen Jahres prämiert. Bei jedem der inzwischen zehn ESFAA-Festivals wird ein Kurzfilm mit einem nationalen Publikumspreis ausgezeichnet. Anschließend touren die Gewinnerfilme durch Europa. Alle teilnehmenden Kurzfilme sind für den European Short Film Audience Award nominiert, der zum Finale im Mai in Brüssel verliehen wird. Aus Deutschland engagiert sich INTERFILM, das Internationale Kurzfilmfestival Berlin, für den ESFAA. Sarah Dombrink koordiniert die Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerks und ist zudem bei INTERFILM u.a. für die Filmakquise im Kinoverleih und Weltvertrieb sowie die Co-Kuration des Deutschen Wettbewerbs verantwortlich. Wir sprachen mit Sarah über das Genre Kurzfilm und die Idee und europaweite Strahlkraft des ESFAA.
Creative Europe Desks: In der Filmwelt dominieren Langfilme und Serien. Was fasziniert Sie am Kurzfilm?
Sarah Dombrink: Eigentlich alles, die Kreativität, die Freude am Experimentieren mit Narrativen oder ganz abseits davon, die Dringlichkeit – ob inhaltlich oder ästhetisch–, mit der die Filme gemacht werden und das Poetische der Reduktion. Oft berühren mich Kurzfilme in dieser Unmittelbarkeit viel mehr als Langfilme. Aber vor allem aus Publikumssicht, gerade in Form von kuratierten Kurzfilmprogrammen, sind Kurzfilme eine Einladung, sich aus ganz verschiedenen Positionen und Blickwinkeln einem Thema oder einem spezifischen Filmschaffen zu nähern und darüber zu sprechen.
Seit 2011 sind Sie Teil des Teams von INTERFILM. Wie kam es dazu?
Filmfestivals fand ich schon als Jugendliche faszinierend – auch wenn ich bis dahin immer nur als Besucherin da war –, und so habe ich 2011 ein Praktikum als Spielortleiterin beim INTERFILM Festival gemacht. Danach wurde mir die Assistenz der Festivalleitung angeboten und von da aus ging es über mehrere Positionen und Filmprogramme zu meinen aktuellen Bereichen. Zwischendurch habe ich meinen Master in Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg gemacht. Mittlerweile bin ich im Verleih und Vertrieb für die Filmakquise verantwortlich sowie beim Festival Teil des Auswahlkomitees für den Deutschen Wettbewerb. Ich bin für die Fördermittelakquise zuständig und im Teil des Festivalkuratoriums – die kollektive künstlerische Leitung von INTERFILM.
Wie hat sich aus ihrer persönlichen Sicht das Kurzfilmschaffen in den letzten 14 Jahren verändert?
Das ist eine große Frage. Generell werden merklich mehr Kurzfilme produziert und sie werden länger. Ich habe den Eindruck, dass das Kurzfilmschaffen politischer geworden ist, selbst wenn es inhaltlich vorrangig nicht um politische Fragen geht. Gleichzeitig kann das auch nur mein Eindruck aufgrund unserer Auswahl und Vorauswahl sein. Um nicht zu allgemein zu bleiben, reduziere ich die Antwort mal auf die Veränderungen, die ich seit fast neun Jahren mit Unterbrechung in der Auswahl für den Deutschen Wettbewerb beobachtet habe: deutsche Filme sind extrem unterschiedlich in der Bandbreite und den Einflüssen, viele sind schon lange nicht mehr ausschließlich deutschsprachig, müssen nicht in Deutschland spielen und gerade deswegen zeichnen die herausstechenden Filme eine Gegenwart und Zukunft des deutschen Films in der BIPoC, queere oder andere marginalisierte Perspektiven die treibende kreative und kulturelle Kraft sind. Und das findet sich in immer mehr Filmen, und diese Filme finden glücklicherweise auch immer breiter ihren Platz auf deutschen und internationalen Festivals.
Im letzten November ging die 41. Ausgabe von INTERFILM über die Bühne, u.a. gefördert von Creative Europe MEDIA. Welche Momente sind hängen geblieben?
Die Magie der Begegnungen mit den Filmschaffenden und dem Publikum – die Gespräche, die Reaktionen auf die Filme. Und da sind wir natürlich sehr dankbar, dass wir mitunter durch die Förderung von Creative Europe MEDIA viele Filmschaffende einladen konnten. Das ist vielleicht gar nicht so spezifisch für diese Edition, mehr eine Entwicklung und dieses Jahr ist es mir besonders aufgefallen.
INTERFILM, das Internationale Kurzfilmfestival Berlin, ist Partner beim „European Short Film Audience Award (ESFAA)“. Was macht diesen Preis besonders?
Das Besondere am European Short Film Audience Award ist die Kooperation, die hinter dem Preis steht: Es ist ein Netzwerk aus zehn europäischen Festivals, die diesen Wettbewerb gemeinsam ausrichten. Natürlich wird über die Festivals jeweils ein Film für den ESFAA nominiert. Und die Filme touren die Festivals, weil es ein Publikumspreis ist, und so sehen die Zuschauer:innen in Vila do Conde die gleichen Filme wie in Alcalá de Henares, Brüssel, Clermont-Ferrand, Ljubljana, Lviv, Nijmegen, Poznań, Tampere oder Berlin. Das hat etwas Verbindendes.
Ende April/Anfang Mai 2026 wird in Brüssel anlässlich des Brussels Short Film Festival der Gewinnerfilm des ESFAA bekanntgegeben. Wie funktioniert das Procedere des ESFAA?
Der ESFAA ist ein festivalübergreifender Preis, der jedes Jahr im Mai in Brüssel startet und auch wieder endet – und über zwei Jahre läuft. Im ersten Jahr wird bei jedem der ESFAA-Festivals im Nationalen Wettbewerb vom Publikum ein Gewinnerfilm gekürt. Diese zehn Gewinnerfilme gehen im zweiten Jahr gemeinsam als Publikumswettbewerb – dem European Short Film Audience Award – auf Tour, und das Publikum bei den Festivals des Netzwerks kann wiederum über ihre Favoriten abstimmen, außer für den eigenen Film, der im Vorjahr bei diesem Festival gewonnen hat. Der Film mit der höchsten Bewertung von einem fast europaweiten Publikum wird in Brüssel am Ende des Jahres prämiert.
Welche Bedeutung hat dieser Austausch auf europäischer Ebene, zumal ja auch Creative Europe MEDIA den Preis unterstützt?
Es reisen nicht nur die Filme, auch die Filmschaffenden sind eingeladen, ihre Filme zu einigen der Festivals zu begleiten. Damit kommt ein anderer Kontakt zum Publikum zustande. Unser Publikum und auch das bei den anderen Partnern ist sehr interessiert daran, was dem Publikum in den anderen Ländern gefällt und als Publikumspreis in das Rennen um den ESFAA geschickt wurde. Zudem können sich die Festivals gegenseitig besuchen, von der Arbeit der anderen lernen, „best practices“ austauschen und inspiriert werden von der Filmauswahl, den Begleitveranstaltungen, gemeinsame Aktivitäten veranstalten und die Kooperation weiterentwickeln. So ergibt sich mit der Kooperation ein Netzwerk, in dem der kulturelle Austausch Teil des Arbeitsprozesses ist. Das ist möglich mit der Creative Europe MEDIA-Förderung für Festivalnetzwerke. Die Kooperation geht zudem noch über die Organisation des Preises hinaus.
Sie betreuen bei INTERFILM die Kooperation rund um den ESFAA. Was ist neben dem Preis noch Teil des Projekts?
Neben dem reisenden Publikumswettbewerb des ESFAA veranstalten die unterschiedlichen Festivals zusätzliche Industry-Aktivitäten, die an den ESFAA angelehnt sind, wie Netzwerkveranstaltungen zwischen den ESFAA-Festivals und internationalen Programmern oder mit den ESFAA-Filmschaffenden, dazu Diskussionsrunden zur europäischen Festivallandschaft oder der Relevanz europäischer Filme in der Filmbildung. Über die Website und Social Media werden zusätzliche Inhalte wie Interviews mit den Filmschaffenden angeboten.
Auf praktischer Ebene bietet das ESFAA-Netzwerk eben einen ausgewählten Filmpool für die Filmbildung mit pädagogischem Begleitmaterial (in der jeweiligen Sprache), mit denen für ein junges Publikum von ca. 15 bis 25 Jahren gearbeitet werden kann. Auch Interfilm organisierte letztes Jahr eine spezielle Vorführung für junge Studierende. Ähnliches ist für 2026 geplant, um die Rolle von (Kurz-)Filmfestivals als Kulturorte zu beleuchten. Außerdem werden die ESFAA-Filme aus der auslaufenden Festivaltour auch für andere Festivals in Europa und in Kinos angeboten und sind zum Teil über “This is Short" im Streaming verfügbar. Interfilm verleiht ein spezielles ESFAA-Programm (aktuell “Familienrisse und Fischgesang – Europäische Publikumslieblinge”) mit deutschen Untertiteln bundesweit für Kinos. Das Programm läuft seit zwei Jahren auch beim Internationalen Kurzfilmtag in Deutschland, Polen und Portugal. Finnland und Frankreich organisieren zu anderen Daten Kinoveranstaltungen.Es ist fantastisch, dass wir mit dem Projekt das Programm auch ins Kino bringen können. Für die Herausbringung von Kurzfilmprogrammen gibt es keine Fördermöglichkeiten für uns – weder auf Bundesebene noch in Berlin-Brandenburg. Für die Kinos ist zudem mit dem neuen Filmförderungsgesetz die direkte Förderung für das Abspiel von Kurzfilmprogrammen und Vorfilmen weggefallen. Aktuell sehen wir sehen da viel Zurückhaltung mit der Verlagerung von der spezifischen Förderung für Kinos, Kurzfilme in Programmen und als Vorfilme zu zeigen, hin zu einer Referenzförderung, bei der Kurzfilm erst nach Erreichen von mehreren Schwellen für die Kinos ein Faktor von vielen ist. Da muss sich erst zeigen, ob hier für die Kinos die Vorführungen von Kurzfilmen ein adäquater Ausgleich sein kann. Das wird sich eben auch auf die Auswertungsmöglichkeiten des ESFAA-Programms in den deutschen Kinos auswirken.
Gewinner des Preises bei INTERFILM 2025 war “I Am a Flower” von Ariel Victor Arthanto. Ariel studiert an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Welche Bedeutung haben Kurzfilme heute bei der Ausbildung an den weltweiten Filmhochschulen?
Filmhochschulen leisten einen sehr wichtigen Beitrag für Filmschaffende, am Anfang ihrer Filmkarriere in einem geschützten Rahmen – und idealerweise mit Ressourcen der Hochschulen – experimentieren zu können, ohne Fördersystematiken oder ökonomische Faktoren berücksichtigen zu müssen. Ariel Victor Arthanto war uns allerdings auch schon ein Name vor dem Studium an der Filmuniversität Babelsberg, da er die Animation und Art Direction für “Annah la Javanaise” gemacht hat, der 2021 bei Interfilm im Internationalen Wettbewerb lief. Der kurze Film entsteht aber auch abseits von Hochschulen und müsste auch in der Entwicklung schon besser gefördert werden können. Einige Filmschaffende bleiben auch nach der Schule der kurzen filmischen Form treu und das nicht ausschließlich im Animationsfilmbereich, sondern auch bei dokumentarischen oder fiktionalen Formen. Deswegen ist es sehr wichtig den Kurzfilm nicht nur als Teil der Hochschulausbildung, sondern als eigene Kunstform zu sehen. Diese Betrachtung ist in Deutschland noch immer etwas verhalten, während in Frankreich oder vielen anderen Ländern Kurzfilme ganz essenzieller Teil der Filmkultur sind.
Welchen Mehrwert, welche Inspiration ziehen Sie aus der Zusammenarbeit mit den anderen neun am ESFAA beteiligten Festivals?
Der Austausch ist sehr fruchtbar. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen in Zooms. Mindestens einmal im Jahr sind alle zusammen beim Filmfestival in Clermont-Ferrand. Zu Interfilm reisen meist drei bis fünf Festivalvertreter:innen der ESFAA-Festivals, und wir organisieren die Zusammenkünfte mit anderen Industrievertreter:innen und Filmschaffenden. Zudem laden wir uns gegenseitig ein, Programme zu zeigen oder laden in Jurys, auf Panels und zu Industry-Veranstaltungen. So ergeben sich aus der Kooperation über den ESFAA auch weitreichende Synergien. Über den unterjährigen Austausch und die gemeinsame Arbeit an dem Projekt hat sich eine verlässliche Partnerschaft entwickelt, in der unterschiedliche Festivals ihre Stärken zusammenbringen können.
Vielen Dank!
Diese zehn Festivals sind Teil des ESFAA: Brussels Short Film Festival, Curtas Vila do Conde International Film Festival, FeKK - Ljubljana Short Film Festival, Lviv International Short Film Festival Wiz Art, Interfilm International Film Festival Berlin, ALCINE - Festival de Cine de Alcalá de Henares, Clermont-Ferrand International Short Film Festival, Tampere Film Festival, Short Waves Festival und das Go Short International Short Film Festival Nijmegen. Mehr zum European Short Film Audience Award (ESFAA).
Über INTERFILM: 1982 in Berlin-Kreuzberg gegründet ist INTERFILM das älteste und größte Kurzfilmfestival der Hauptstadt. Seit langem ist INTERFILM für die Academy Awards qualifiziert. INTERFILM und das junge Schwesterfestival KUKI zeigen jährlich mehr als 350 Kurzfilme in 50 Programmen, Workshops und Events. Beide Festivals begreifen sich als Publikumsfestivals. Seit 2020 wird die künstlerische Leitung des Festivals von einem Kuratorium gestaltet, bestehend aus Alexander Stein, Andrea Schwemmer, Cord Dueppe, Fredi Klutas, Matthias Groll, Monica Koshka-Stein, Moritz Lehr und Sarah Dombrink. INTERFILM wird von Creative Europe MEDIA gefördert. Die 42. Ausgabe findet vom 10. bis 15. November 2026 statt. Mehr zum Festival.
Das Interview führte Nikola Mirza
Permalink: https://creative-europe-desk.de/en/artikel/news/viel-liebe-fuer-den-european-short-film-audience-award

