Kulturelle Diversität, rechtliche Verantwortung und technologische Innovation verbinden

Interview mit Mathis Nitschke, Sofilab UG

  • Mathis Nitschke, Foto: Ingolf Hatz

Im Rahmen des Aufrufes „Creative Innovation Lab“ 2024 erhielt das Unternehmen Sofilab UG aus München 1.119.650 Euro Förderung für das Projekt „crps.ai – Ethical AI for Film and Game Soundtracks“. „crps.ai“, ausgesprochen „Corpus AI“, ist eine KI-gestützte Plattform für Musikschaffende. Sofilab verbindet künstlerische Arbeit mit Technologie und Künstlicher Intelligenz und arbeitet dabei als verteiltes Labornetzwerk von Künstlern, Ingenieuren und Designern. Herzstück ist die künstlerische Forschung. Gründer, Mastermind und künstlerischer Leiter von Sofilab ist der Komponist und Sounddesigner Mathis Nitschke. Mathis Nitschke studierte klassische Gitarre, Komposition und Bildende Kunst. Im Interview erläutert er, welche Idee hinter „Corpus AI“ steckt – und welche europäische Dimension ihn dabei fasziniert. 

Creative Europe Desks: Was begeistert Sie als Musiker für die Verknüpfung von Musik und KI? 

Mathis Nitschke: Mich interessiert an KI weniger der technische Effekt als die Verschiebung, die sie in der Rolle von Musik auslöst. Musik war immer mit Technologie verbunden – neue Instrumente, neue Medien, neue Produktionsweisen. KI ist in dieser Linie kein weiteres Werkzeug, sondern ein Einschnitt: Sie verändert, wie Musik entsteht und wie sie in andere Medien eingebunden wird. 

Gerade im audiovisuellen Kontext wird Musik dadurch nicht mehr nur Begleitung, sondern ein dynamischer Teil von Narration, Interaktion und Kontext. Als Künstler interessiert mich genau dieser Übergang – von statischen Werken zu Systemen, die musikalisch auf Situationen, Bilder und Nutzer reagieren können. 

Worin sehen Sie das herausragende Potenzial Ihres Projektes „Corpus AI“? 

Das zentrale Potenzial von CORPUS liegt für mich darin, dass wir nicht nur Modelle oder Datensätze entwickeln, sondern eine Infrastruktur zwischen Musik, Technologie und Anwendungskontexten. 

KI ermöglicht erstmals, musikalische Kommunikation auf einer komplexen, kontextsensitiven Ebene zu skalieren – nicht nur für industrielle Anwendungen, sondern auch für audiovisuelle Medien wie Film, Games, XR oder interaktive Formate. Dort entstehen neue Formen von Dramaturgie, in denen Musik nicht fix komponiert ist, sondern situativ generiert und angepasst wird. 

Gleichzeitig reagiert CORPUS auf eine regulatorische Realität: Wenn Herkunft und Nutzung von Trainingsdaten transparent sein müssen, braucht es neue, kollektive Modelle der Datenproduktion. CORPUS ist der Versuch, eine solche Grundlage zu schaffen – getragen von einer Community von Musiker*innen und anschlussfähig an kulturelle wie industrielle Kontexte. 

Ihr Projekt hat die Innovation Lab-Förderung von Creative Europe MEDIA erhalten. Wo sehen sie die europäische Dimension von „Corpus AI“? 

Europa ist musikalisch und kulturell extrem divers, doch diese Vielfalt ist in heutigen KI-Systemen kaum präsent. Viele Modelle basieren auf einem recht einheitlichen westlich-populären Kanon, der globale audiovisuelle Märkte prägt, während regionale Klangsprachen und Erzählformen unsichtbar bleiben. 

Ich sehe die europäische Dimension von CORPUS darin, diese Vielfalt nicht nur zu dokumentieren, sondern technologisch wirksam zu machen – insbesondere im audiovisuellen Raum. Europa ist nicht nur ein kultureller, sondern auch ein normativer Raum: Hier wird stärker als anderswo verhandelt, unter welchen Bedingungen KI legitim, transparent und fair sein kann. 

CORPUS versucht, kulturelle Diversität, rechtliche Verantwortung und technologische Innovation in einem gemeinsamen Modell zu verbinden – und damit eine spezifisch europäische Perspektive in die Entwicklung von KI-basierten Medien einzuschreiben. 

Kurzer Blick in die Zukunft: Was sind die nächsten Schritte für „Corpus AI“? 

Der nächste Schritt für CORPUS ist der Übergang von einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu einer operativen Infrastruktur. Unsere Plattform für Musikbeiträge steht kurz vor der Öffnung, sodass wir erstmals in größerem Maßstab mit Beitragenden arbeiten können. 

Parallel dazu bauen wir Partnerschaften auf beiden Seiten des Ökosystems auf: auf der Input-Seite mit Musiker*innen und Kataloganbietern, auf der Output-Seite mit audiovisuellen und industriellen Anwendungen – etwa in Film, Games, interaktiven Medien, aber auch in Bereichen wie Mobilität oder Robotik. 

Im Moment geht es darum, technische, rechtliche und ökonomische Abhängigkeiten so zu synchronisieren, dass CORPUS nicht nur als Idee existiert, sondern als funktionierendes System. Wenn das gelingt, verlässt das Projekt den experimentellen Raum und wird zu einer Infrastruktur, die sowohl kulturelle als auch industrielle Nutzung ermöglicht. 

Was sagen Sie Musikerkolleg*innen, die aktuell teils sehr hart für ihr Einkommen kämpfen müssen, warum sie mit „Corpus AI“ arbeiten sollen? 

Ich würde niemandem versprechen, dass CORPUS kurzfristig Einkommensprobleme löst. Aber wir eröffnen Märkte, die in dieser Form bisher nicht existierten. 

Musik war im audiovisuellen Bereich bisher meist an konkrete Produktionen gebunden: Film, Games, Werbung, Aufträge. Mit CORPUS wird Musik als KI-modellierte Ressource in diesen Feldern dauerhaft nutzbar – nicht nur als fertiges Werk, sondern als Teil kreativer Prozesse, etwa in der Entwicklung von Geschichten, Spielwelten oder interaktiven Formaten. 

Für Musiker*innen bedeutet das: vorhandene Musik kann in neuen Kontexten wirksam werden, ohne dass jedes Mal ein neuer Auftrag nötig ist. Der Einstieg ist niedrigschwellig – oft geht es um Material, das bereits existiert und sonst kaum genutzt wird. 

Das ist kein schneller Gewinn, sondern eine mittel- bis langfristige Beteiligung an neuen Formen der Wertschöpfung. Die Alternative wäre, dass diese Systeme ohne Beteiligung von Musiker*innen entstehen. CORPUS ist der Versuch, genau das zu verhindern – und Musiker*innen nicht nur als Zulieferer, sondern als Teil der Infrastruktur zu positionieren. 

Vielen Dank! 

Mehr unter: crps.ai (ist verlinkt) 

Das Interview führte Nikola Mirza.