Himmel, was lieben wir Außenseitergeschichten! Denn wie kann man besser die Fehler einer Welt aufzeigen, als durch einen liebenswerten Misfit, der sich gegen sie erhebt? Eine Figur, die ihren Platz in einer Umwelt behauptet, die ihr diesen nicht zugestehen möchte. Auch die Geschichten unserer MEDIA Highlights im Januar sind aus Perspektiven geschildert, die sich als fremd in der Welt wahrnehmen. Und trotzdem wissen sie zu überraschen, denn es sind keine klassischen Außenseiter, die dort sprechen. Manche der Figuren sind sogar besonders privilegiert in ihren Welten. Geeint in dieser Auflistung werden sie von ihrer besonderen Fähigkeit zur Beobachtung und ihrer außergewöhnlichen Weltsicht, an der sie uns auf der großen Leinwand teilhaben lassen.
Fremd in der Welt ist vor allem Der Fremde, wie ihn Albert Camus 1942 erdacht und François Ozon nun verfilmt hat. Meursault, gespielt von Benjamin Voisin, steht seiner Lebensrealität im kolonialen Algerien mit gleichgültiger Kälte gegenüber, wodurch er immer tiefer in Konflikt mit ihr gerät und dadurch dem Publikum die Kontroversen dieser Welt offenbart. Denn was eine ungerechte Welt am wenigsten erträgt, ist die Ablehnung des Privilegs. Sehr nah am Roman erzählt Ozon die Geschichte in bedächtigen Schwarz-Weiß-Bildern, die es schaffen auch ohne das Blau des Himmels und des Meeres eine drückende Hitze zu kreieren unter der Der Fremde schließlich zum Revolver greift. Sehenswert!
In ihrem heiteren Episodenfilm Silent Friend lässt Ildikó Enyedi einen alten Ginkobaum erzählen. So bringt sie uns mit drei Perspektiven aus drei Epochen in Kontakt, die auch durch ihr Fremd-sein in ihrem jeweiligen Umfeld, ihrer Gabe zur Beobachtung bewusst werden: 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong (Tony Leung), ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein eigentümlicher Student (Enzo Brumm) eine innere Wandlung – ausgelöst durch die aufmerksame Beobachtung einer Geranie. Und 1908 folgt die erste Studentin der Universität (Luna Wedler) im streng patriarchalen Umfeld ihrer Leidenschaft für die Fotografie und entdeckt durch ihre Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Die dritte Stimme unserer Auflistung gehört keiner anderen als Astrid Lindgren. Obwohl in Sicherheit und ohne echten Mangel lebend, dokumentiert sie in ihren Tagebüchern aus den Weltkriegsjahren eine zunehmende Entfremdung von ihrer (heilen) Welt. Weit entfernt von den Schrecken des Krieges formuliert sie ihr nüchternes Fazit: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Vielleicht auch auf Grundlage dieser Feststellung entwirft sie allmählich die Figur, die ihren Weltruhm begründen sollte: Pippi Langstrumpf. Der Dokumentarfilm mit ausgeprägtem Reenactment-Passagen basiert auf dem genauen Wortlaut aus Lindgrens "Kriegstagebüchern".
Alle MEDIA geförderten Filme im Januar:
- Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter 1.1., Regie: Anja Bardoux, im Verleih von Happy Entertainment
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Der Fremde 1.1., Regie: François Ozon , im Verleih von Weltkino
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Schwesterherz 8.1., Regie: Sarah Miro Fischer, im Verleih von eksys'tent
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Madame Kika 15.1., Regie: Alexe Poukine, im Verleih von Little Dream Pictures
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Silent Friend 15.1., Regie: Ildikó Enyedi, im Verleih von Pandora Film
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Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren 22.1., Regie: Wilfired Hauke, im Verleih von Farbilm
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Die progressiven Nostalgiker 22.1., Regie: Vinciane Millereau, im Verleih von: Neue Visionen
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Little Trouble Girls 29.1., Regie: Urška Djukić, im Verlieh von Grandfilm
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White Snail 29.1., Regie: Elsa Kremser und Levin Peter, im Verleih von Real Fiction
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