Stories of Audience Engagement: Kultur und Publikum - Dialog statt Produkt

Rückblick auf die Konferenz am 6. Juli 2015 in Berlin


Am 6. Juli 2015 trafen sich im Private Roof Club über den Dächern Berlins Vertreter aus Medien und Kreativwirtschaft zur internationalen Konferenz "Stories of Audience Engagement". Unter der Moderation von Savina Neirotti (Torino Filmlab, Biennale College-Cinema) und Michel Reilhac (Produzent, Kurator, Transmedia-Autor) setzten sich die 120 Konferenzteilnehmer mit Experten aus Europa, den USA und Kanada mittels Keynotes, Case Studies, Round Table- und Paneldiskussionen über neue Möglichkeiten der Publikumsgewinnung auseinander.

Die Konferenz beleuchtete den Ist-Zustand der gegenseitigen Beziehung von Inhalten und Publikum in Kultur und Medien. Debika Shome (Harmony Institute, USA), Peter Gerard (VIMEO, USA), Catherine Warren (FanTrust Entertainment Strategies, Kanada), Robert Zimmermann (Berlin Phil Media, Deutschland), Peter Kasza & Oliver Obert (C3 Creative Code and Content, Deutschland), Marc Allenby (Picturehouse Entertainment, Großbritannien), David Pope (Music Screen, Großbritannien), Duncan Connal (Vue Cinemas, Großbritannien) und Kevin Markwick (The Picture House Uckfield, Großbritannien) gaben Einblicke in ihre Projekte.

Alle Konferenzteilnehmer und -experten konstatierten übereinstimmend einen fundamentalen Wandel in der Einbindung des Publikums innerhalb der Arbeits- und Auswertungsprozesse der Projekte. Die Veränderung wurde vor allem durch die Nutzung sozialer Medien und neuer digitaler Vertriebswege herbeigeführt. So wurde vom "Deal with fans" und dem Wert dieser Beziehung gesprochen. Das Publikum sei heute nicht mehr nur Adressat für ein Produkt, sondern Kommunikator, Investor und partizipierende Community. Dass das Publikum heute mehr als ein passiver Konsument ist, wurde deutlich, wenn besonders die nordamerikanischen Experten immer wieder das Thema Crowdfunding und Fans hervorhoben.

Der Dialog mit dem Nutzer hat den veralteten Monolog ersetzt, nicht das Produkt steht mehr im Zentrum, sondern das Publikum. Der Content ist nicht mehr nur ein Produkt sondern ein Prozess. Gelungene Social-Media-Kampagnen brauchen entsprechend die richtigen Werkzeuge, gezielte Planung und eine Dramaturgie.
Am Beispiel der "Digital Concert Hall" der Berliner Philharmoniker zeigte Robert Zimmermann (Berlin Phil Media) eindrucksvoll die erfolgreiche Gewinnung neuer Zuschauer. Mit diesem Projekt habe es das Orchester geschafft sein Publikum kennenzulernen. Im Jahr 2008 stellten die Philharmoniker fest, dass es mit der herkömmlichen, alten Praxis von Konzerten und Tourneen aber auch den TV- und CD-/DVD-Auswertungen eine (natürliche) Grenze in der Kommunikation mit dem Publikum gebe. Mehr als rund 100.000 Personen konnten so im Jahr nicht erreicht werden. Über die Struktur des Publikums hatten sie keinerlei Informationen. Mit dem Einsatz digitaler Vertriebskanäle durch die "Digital Concert Hall" gelang dem Orchester eine neue Qualität und Quantität der Publikumsbindung. Allein der Anstieg der Facebook-Fans von 6.000 (2009) auf 742.000 (2015) und 17 Mio. Visits der "Digital Concert Hall" zeige dies. Zimmermann betonte zudem die große Bedeutung der Exklusivität des Contents für wirksame Bezahlmodelle, die Wichtigkeit von Apps und Mobile Devices, um seine Kunden optimal zu erreichen und die Notwendigkeit einer ständigen technischen Weiterentwicklung.

Mit dem großen Potential von Event Cinema am Beispiel Großbritanniens - mit Live-Übertragungen von Konzerten, Opernaufführungen oder sogar Live-Ausstellungsbesuchen inklusive Q&As - verwiesen die britischen Experten auf eine andere, höchst kommunikative Möglichkeit, das Publikum zu erreichen. Event Cinema, so die Experten, habe u.a. auch die finanziellen Lücken an publikumsschwachen Tagen gefüllt, die die Kinos auf der Insel nach staatlichen Kürzungen ausgleichen mussten.

Für die zahlreichen Teilnehmer aus der Film-, Medien-, Theater- und Verlagsbranche brachte Michel Reilhac eine wesentliche Erkenntnis auf den Punkt: das Publikum ist nicht mehr nur dafür da, ein Produkt zu kaufen, sondern dafür, daran teilzunehmen.

Eingeladen zur Konferenz hatten der Creative Europe Desk Berlin-Brandenburg und das TorinoFilmLab mit Unterstützung des Medienboard Berlin-Brandenburg und des Programms Creative Europe MEDIA.