Grenzen durch Filme überwinden

Das European Film Forum zur Berlinale 2018


Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, beim European Film Forum in Berlin © Cecoforma
Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, beim European Film Forum in Berlin © Cecoforma

Die Zukunft des MEDIA Programms nach 2020 war zentrales Thema des European Film Forum der Europäischen Kommission zur Berlinale. Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, würdigte in ihrer Keynote den hohen Stellenwert der Berlinale für das europäische und internationale Kino. Gleichzeitig betonte sie die enorme Bedeutung des Kinos für unser heutiges Europa, das durch die technologische Revolution stark im Umbruch sei: "Als Kommissarin für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft räume ich der Medienpolitik und der Unterstützung des audiovisuellen Sektors eine einzigartige Stellung ein, die mir am Herzen liegt. Ich bin der Überzeugung, dass wir die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen nicht ohne eine reiche, freie und vielfältige Filmlandschaft bewältigen können."

Filme als Botschafter europäischer Werte
Europa sei im Aufschwung, so Gabriel, die Wirtschaft wachse und damit auch das Vertrauen in sie. Zugleich sei das Bewusstsein bei den Regierenden da, dass die kulturelle Produktion Europas essentiell und zu unterstützen sei. Dies wurde im Rahmen eines Gipfels in Göteborg im November 2017 deutlich, bei dem die Europäische Kommission mit Unternehmen und Institionen und Themen wie faire europäische Arbeitsmärkte, wirksame und nachhaltige Systeme der sozialen Absicherung sowie die Förderung des sozialen Dialogs auf allen Ebenen diskutierte. Dabei wurden die gemeinsamen europäischen Werte und Identität betont, zu der die Filmbranche bedeutend beitragen könne, so Gabriel.

Zu den Prioritäten der Kommissarin für die Zukunft zählen die finanzielle Ausstattung des MEDIA Programms nach 2020, die Strategie #Digital4Culture, deren Ziel es ist, die digitale Revolution zu einem Vorteil für die Branche zu entwickeln sowie die Modernisierung des regulatorischen Umfelds für einen gemeinsamen Binnenmarkt.

All diese Ziele und Anforderungen finden sich im MEDIA Programm wieder, so Gabriel: "MEDIA soll die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Sektors stärken und zugleich zur kulturellen Vielfalt beitragen. Diese doppelte Rolle dient der Öffnung unserer Gesellschaften und unterstützt den Kampf gegen die Intoleranz, die Ungerechtigkeit und gegen Rassimus.ö In 27 Jahren MEDIA Programm sind 2,5 Milliarden Euro in die europäische Filmbranche geflossen. Fast 2.000 Projekte jährlich werden gefördert.

Digital4Culture
Das neue Programm ab 2020 steht, so Mariya Gabriel, unter dem Motto "Digital4Culture", der Verbindung von Kultur und Digitalwirtschaft. Sie kündigte eine B2B-Datenbank von online verfügbaren europäischen Filmen an. Ein Prototyp wird voraussichtlich Ende 2018 zum Europäischen Kulturerbejahr vorgestellt. Der Zugang solle zukünftig auch für die Öffentlichkeit weiterentwickelt werden, mit dem Ziel, europäische Filme einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen. Gabriel betonte, sie würde sich dafür einsetzen, dass Angebote von Online-Plattformen besser vergütet werden und man Online-Anbieter zu mehr europäischen Inhalten verpflichtet.

Weitere Pläne der Europäischen Kommission sind die Reform des Urheberrechts, durch die eine Stärkung von Autoren*innen erreicht werden soll, und die Überarbeitung der Richtlinie für audiovisuelle Medien, bei der vor allem der Kampf gegen illegale Inhalte auf der Agenda steht.

Um die Zukunft des Programms mitzugestalten, ruft die Kommissarin alle Kulturschaffenden auf, sich an einer öffentlichen Umfrage zu beteiligen, die noch bis zum 8. März online verfügbar ist.

Film und Europa
Über europäische Identität und die Werte und Einzigartigkeit des europäischen Kinos sprachen beim European Film Forum die Regisseure Cristian Mungiu und Radu Mihaileanu. Ein besonders wichtiger Aspekt sei, laut Mungiu, die frühe Heranführung von Kindern und Jugendlichen an europäische Arthouse-Filme, denn die junge Generation würde nach wie vor durch Disney- und Pixar-Mainstream geprägt und immer noch auch von der "Umsonst-Kultur" des Internets, weshalb Piraterie nach wie vor ein großes Thema sei. Eine mögliche Lösung könnten die VoD-Pläne der Kommissarin für europäische Filme bieten. Im Laufe des Tages wurde schließlich eine Technologie aus Spanien vorgestellt, mit deren Hilfe illegale Inhalte im Netz aufgespürt werden können. Mihaileanu präsentierte eine Petition der Society of Audiovisual Authors, in der die EU aufgefordert wird, das Urheberrecht zu modernisieren.

Die Zukunft des MEDIA Programms nach 2020
In seiner Keynote zur Zukunft des MEDIA Programms sah Rodolphe Buet, President International von Global Road Entertainment, eine der wichtigsten Maßnahmen der EU die grenzüberschreitende Zirkulation und kulturelle Vielfalt von audiovisuellen Werken zu stärken, auch, um ein besseres Gleichgewicht zu den USA herzustellen. Weniger als die Hälfte der europäischen Filme sind außerhalb ihres Ursprungslands zu sehen. Nur 47 Prozent europäischer Kinofilme gibt es auf digitalen Plattformen, während 86 Prozent der US-Kinofilme auf digitalen Plattformen erhältlich sind. Um dieser Realität entsprechend zu begegnen, so Buet, müssten die sprachliche und kulturelle Vielfalt verstärkt unterstützt werden. Das MEDIA Programm sei seit 25 Jahren praktisch unverändert, jetzt sei es an der Zeit, eine neue globale Vision zu entwickeln, um mit den Veränderungen mithalten zu können. Das Budget sei nach wie vor limitiert, 100 bis 120 Millionen Euro seien auf 14 Förderlinien und 20 weitere Maßnahmen aufgeteilt. Der Brexit würde zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen. Buets Empfehlungen für das MEDIA Folgeprogramm ab 2021 liegen vor allem in den Bereichen Filmerziehung schon für die jüngste Generation sowie Weiterbildung. Aber auch Audience Development, Big Data Monitoring und das Potential von VR würden in Zukunft eine entscheidendere Rolle spielen. Das Europa Cinemas Netzwerk sieht er als ein wichtiges Element, das in Zukunft noch weiter ausgebaut werden sollte, um die Zuschauer auch in kleineren Städten zu erreichen.

Petra Kammerevert, MEP, appelliert an die Mitgliedsstaaten
"Das MEDIA Programm hat geholfen, den europäischen Film als eine Marke und als ein Qualitätslabel zu etablieren", lobte Petra Kammerevert, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments in ihrer Rede. Sie schloss mit einem Appell an die Mitgliedsstaaten: Das MEDIA Programm müsse mit mehr Geld ausgestattet werden. Für den ehrgeizigen Programmvorschlag der Kommission müsse man die Unterstützung der Mitgliedsstaaten im Rat sowie die Finanzminister gewinnen. Europäische Filme überschreiten immer noch zu selten die Grenzen im Vergleich zu US-Filmen, so Kammerevert. Innovative Vertriebswege müssten gestärkt werden. Zugleich betonte auch sie die nötigen Investitionen in kulturelle Bildung. Leider würden Kinobesuche durch Schulklassen vielfach als Unterrichtsausfall gesehen, dies müsse sich ändern.

Die Keynote von Mariya Gabriel im Original