Die Regel für den Erfolg ist die Regellosigkeit

Audience first! Ein ganzer Tag im Zeichen des Publikums: Bei der Konferenz "Reach Out - Create Impact! How to find the perfect strategy for your film" des Creative Europe Desk Berlin-Brandenburg am 29. September 2016 in Berlin gaben die von Creative Europe MEDIA geförderte Trainingsinitiativen Torino Filmlab, BRITDOC und EAVE Marketing praktische Einblicke in die strategische Positionierung von europäischen Arthouse-Filmen. Produzenten, Verleiher und andere Medienschaffende bekamen über unterschiedlichste Case Studies aus Sicht von Produzenten, Regisseuren und Weltvertrieben einen Eindruck davon, wie wichtig und elementar heute die frühe Einbindung von Marketingstrategien und "Audience Design" für den Erfolg von Filmen sind.

Susann Wendt, Vertriebschefin des dänische Weltvertriebs TruskNordisk und verantwortlich für die Verkaufserfolge von Größen wie Lars von Trier, Susanne Bier oder Thomas Vinterberg wies auf die Veränderungen des Marktes hin: Vor 15 Jahren seien 80 % der Filme erst nach Fertigstellung verkauft worden, heute sei das Verhältnis genau umgekehrt, was eine frühe Analyse der individuellen Marketingstrategie im Zusammenspiel von Produzent, Verleih und Weltvertrieb heute umso wichtiger mache.

Die Zauberformel "Audience Design" steht beim Torino Film Lab im Fokus. Die Einbindung des Publikums von Beginn an über alle passenden Kanäle wurde anhand der israelisch-dänischen Produktion "Mountain" (R. Yaelle Kayam) demonstriert. Ziele wurden definiert, dazu Strategien für unterschiedlichste Kanäle und Zielgruppen entwickelt sowie mögliche Ansatzpunkte (religiöse und künstlerische Aspekte, weibliche Regisseurin, Modebewusstsein etc.) berücksichtigt. Anhand des Dokumentarfilms "NOMA - My Perfect Storm" von Pierre Deschamps über das beste Restaurant der Welt (Projekt beim EAVE Marketing Workshop) beschrieb Susann Wendt u.a. strategische Fehler, die durch eine frühe und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Weltvertrieb und Produktion verhindert werden können. Die Regisseurin Anna Bürger stellte zudem ihr TV- und Webprojekt "Dressed to kill" über Nachhaltigkeit in der Mode vor und die Modebloggerin Susie Bubble vor, das mit Hilfe der Documentary Campus Masterschool entwickelt wurde.

Für die britische Non-Profit Organisation BRITDOC stehen außergewöhnliche Geschichten im Fokus. Das sogenannte "Impact Producing" spielte im Falle der explosiven Dokumentation "Virunga" (R: Orlando von Einsiedel) von Beginn an eine große Rolle. "Virunga" begleitet Park-Ranger im Virunga-Nationalpark im Kongo, der letzte Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Berggorillas, die versuchen, das UNESCO-Weltnaturerbe zu schützen. "Virunga" war nominiert für den Oscar 2015 in der Kategorie Bester Dokumentarfilm. Durch eine Kampagne erreichte der Film eine hohe politische Bedeutung und machte nachhaltig und weltweit auf die Situation im Kongo aufmerksam. Am Ende der Präsentation brachte Beadie Finzi von BRITDOC das Publikum auch noch zum Tanzen … Beim abschließenden Werkstattgespräch sprachen der Verleiher Christoph Ott (NFP, "Toni Erdmann") und Produzent Roman Paul (Razor Film, "Liebe Halal") über aktuelle Veränderungen des Marktes und die damit verbundenen neuen Herausforderungen an Produzenten und Verleiher. Roman Paul resümierte, dass die "Regel für den Erfolg die Regellosigkeit" sei. Christoph Ott betonte, dass es "leider" ein Geheimnis bleibe, was das Publikum interessiere, aber das wiederum führe immer wieder zu Überraschungserfolgen. Als Verleiher solle man nicht zuviel rechnen, sondern sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Das wichtigste Tool seien gute Fotos, Material vom Dreh für Social-Media-Kampagnen und eine gute Synopsis. Soziale Medien seien zudem extrem hilfreich zur Bindung und Aufbau einer Fanbase.