DER LETZTE DER UNGERECHTEN


Von Claude Lanzmann, Neue Visionen, 07.05.

Rom, 1975. Claude Lanzmann filmt Benjamin Murmelstein, den letzten Vorsitzenden des Judenrats aus dem Ghetto Theresienstadt und einzigen »Judenältesten« (der Terminologie der Nationalsozialisten zufolge), der nicht während des Krieges ermordet wurde. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 kämpfte der Rabbiner Murmelstein sieben Jahre lang an der Seite Eichmanns gegen die Räumung des Ghettos. Gleichzeitig verhalf er 121.000 Juden erfolgreich zur Emigration.
2012. Mit 87 Jahren holt Claude Lanzmann die Gespräche mit Murmelstein wieder aus dem Archiv und inszeniert diese, indem er einerseits zeigt, dass die Zeit nicht spurlos an den beiden Männern vorübergegangen ist und andererseits die unfassbare Zeitlosigkeit der Orte hervorhebt. Er kehrt nach Theresienstadt zurück, die Stadt, die »Hitler den Juden gab«, dem »Vorzeigeghetto«. Ein Lügenghetto, von Adolf Eichmann auserwählt, um die Welt zu täuschen.
Der Film offenbart die außergewöhnliche Persönlichkeit von Benjamin Murmelstein: ausgestattet mit einer faszinierenden Intelligenz, einem unumstößlichen Mut und einem unvergleichlichen Erinnerungsvermögen ist er ein großartiger Geschichtenerzähler: Ironisch, sarkastisch und aufrichtig. Über die drei Epochen hinweg, von Nisko nach Theresienstadt und von Wien nach Rom, beleuchtet der Film wie nie zuvor die Entstehung der Endlösung, enthüllt das wahre Gesicht Eichmanns und entschleiert unverblümt die schwerwiegenden Widersprüche des Judenrats.

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