DAS GROSSE HEFT

Von Alain Gsponer bei Universum ab 7. November 2013




Es ist Krieg. Der Vater ist einberufen, die Mutter bringt die beiden dreizehnjährigen Zwillingsbrüder zur Großmutter aufs Land. Zwei Dinge schärft sie ihnen ein: Immer weiter zu lernen und um jeden Preis zu überleben. Niemals zuvor hatten die Kinder ihre Großmutter gesehen, die in einem kümmerlichen Gehöft an einem Waldstück nahe der streng bewachten Grenze lebt.

Das Leben hier ist beschwerlich, die Kinder arbeiten hart, bei jeder Kleinigkeit setzt es Schläge. Im Dorf nennt man die Großmutter nur „die Hexe“. Auch dort behandelt man die Kinder nicht besser. Ihre Erlebnisse halten die beiden Kinder in einem Schreibheft fest: Eingetragen wird nur, was sich in einem Aussagesatz festhalten lässt. Das, was wahr ist. Die Jungen beschließen, sich in immer neuen Übungen abzuhärten, um dieser Welt standzuhalten. Übungen, um den Schmerz auszuhalten, die Beleidigungen, den Hunger, die Kälte, die schönen Erinnerungen und die Sehnsucht nach der Zärtlichkeit der Mutter. Sie lernen zu betteln, zu stehlen, zu schlagen, zu lügen, die eigenen Skrupel zu überwinden, sogar zu töten – ganz wie es die Welt um sie herum vorlebt. Die Jungen entwickeln eine eigene Moral des Überlebens, die sie auf ihre Weise wahr und falsch, gut und böse unterscheiden und danach handeln lässt. Und sie gewinnen Verbündete, die wilde Tochter der alten Nachbarin, den einquartierten deutschen Offizier, auch die Großmutter, der die Unbeugsamkeit der Kinder Stolz, vielleicht sogar so etwas wie Liebe abnötigt.Einer letzten Prüfung wollen die Zwillinge entgehen: der Trennung

‚Das Große Heft‘ basiert auf dem weltweit erfolgreichen Roman LE GRAND CAHIER der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf, der seit seiner Veröffentlichung 1986 in fast 40 Sprachen übersetzt und u.a. mit dem französischen Preis für europäische Literatur „Livre Europeen“, dem Gottfried-Keller-Preis, dem Österreichischen Staatspreis für Literatur und dem Kossuth-Preis ausgezeichnet wurde. Der ungarische Regisseur János Szász machte sich einen Namen u.a. mit „Witman Boys“ (Cannes Official Selection) und seiner vielfach preisgekrönten Woyczek-Verfilmung (u.a. European Film Award: Bester Neuer Film).